Fundamentalös

Was wissen wir über das Millieu junger muslimischer Frauen aus europäischen Großstädten? -hier aus dem Londoner East End -, die sich radikaliert und dem IS angeschlossen haben (die Protagonistin Sara) oder vom muslimischen Glauben abgewandt haben und nun einen westlichen Lebensstil pflegen wie die Protagonistin Nadia, ein Verhalten, das bei beiden zu einem Bruch in den familiären Beziehungen führt.

Als beide Lebensläufe zusammen geführt werden, wird daraus eine ganz persönliche Auseinandersetzung um die Lebensführung. Nadia verhilft nämlich als UN-Mitarbeiterin unter großem Risiko der nun im Irak inhaftierten IS-Anhängerin Sara zur Flucht und Wiedervereinigung mit ihrer 2-jährigen Tochter und muß ernüchtert feststellen, daß diese von ihren Kontakten und ihrer Sympathie zum IS nicht lassen will. Es entfährt Nadia: „Warum kannst du nicht einfach wie eine normale gemäßigte Muslima leben wie 2 Millarden Muslime auch?“ „Ganz normal, wie du also? Eine Schlampe mit Helfer-Syndrom?“ Himmel, die wußte, wie man austeilt.“

Wer beim Literarischen Quartett am 11.3. dabei war: Gegen die Kritik am Buch aufrechterhalten muss ich, so leid es mir für meine Freunde tut, die Empfehlung dieses Romans:

Wenn man auch dem Schluss des Romans den Wunsch der Autorin nach einem glücklichen Ende zu deutlich verspürt (bei übrigens schlüssiger finaler Botschaft), so ist ihr doch an einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit den Grundwerten beider junger Frauen gelegen, die auch sprachlich gelingt.

Über Humor lässt sich bekanntlich streiten – meine 3 Mitredner fanden ihn platt und sahen im Roman keine Satire – auf UN-Hilfsorganisationen im Irak, die sich in der Grünen Zone von denen abschotten, denen sie eigentlich helfen sollen – aber nicht mit mir 😉 : Ich attestiere dem Roman einen Humor als ein Ritt auf der Rasierklinge, es gelingt der Autorin besonders durch Nadias Selbstironie, mich zu unterhalten und doch der grundsätzlichen Ernsthaftigkeit des Themas gerecht zu werden.

Die Autorin verläßt die Komfortzone, indem sie das heikle Thema der Rückführung europäischer IS-AnhängerInnen aus dem Irak aufgreift, das westliche Regierungen weitgehend zu ignorieren versuchen. Anna Osius, deutsche Reporterin der ARD, spricht aktuell von einem „Desaster mit Ansage“: Die jahrelang ohne Anklage in Camps in Syrien zu Tausenden ohne Anklage inhaftierten IS-Anhänger und deren Familien werden derzeit der Bewachung durch die kurdischen SDF-Kräfte entzogen. Dies geschieht aufgrund der neuen Machtverhältnisse in Syrien, die kurdischen Einheiten befinden sich auf dem Rückzug. Ein Lager mit Tausenden Menschen in Nordsyrien löste sich in Luft auf, ausländische IS-Terroristen wurden von amerikanischen Kräften in den Irak überführt, wo ihnen die Todesstrafe droht. Die deutsche Regierung hat derweil kein Interesse an Rückholung von Menschen mit deutschem Pass, die Gerichte müssten die Jahre der Lagerinhaftierung (seit 2017) auf die zu erwartende Gefängnisstrafe anrechnen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Nadias Rettungsversuch von Sara naiv, konfrontiert den Lesenden aber doch mit dem Dilemma der Hilflosigkeit des Einzelnen angesichts dieser aktuell desolaten politischen Situation. Immerhin schafft Nussaibah Younis einen Raum der Einfühlung in die von der Situation betroffenen Menschen, indem sie dem Schicksal einen Namen gibt und sich überhaupt dieses Themas annimmt. Dies zu erreichen ist nicht wenig für einen Roman. Man kann davon ausgehen, daß die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Sie arbeitet als Londoner Journalistin mit irakisch-pakistanischen Wurzeln und war Beraterin der irakischen Regierung.

Martin Hungenbach

Martin ist der Inhaber des Worthauses. Er studierte Philosophie, Germanistik, Sozialwissenschaften, ist gelernter Buchhändler und das lebt er mit ganzem Herzen. Kaum ein Buch, über das er nichts zu sagen weiß ...

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