Der Ozean so wild und weit

Nach „Das Tal in der Mitte der Welt“ endlich ein neuer Roman des schottischen Autors Malachy Tallack: „Der Ozean so wild und weit“, der wie sein Vorgänger auf den Shetlandinseln spielt. Dort lebt der 62-jährige Jack zurückgezogen im alten Cottage seiner Familie, Jahrzehnte nach dem tragischen Tod seiner Eltern. Schweigsam und ungesellig ist er, das selbstgewählte Leben in der Abgeschiedenheit mit den immer wiederkehrenden Abläufen und Routinen ist ihm genug. Nur selten spürt er das Alleinsein – dann hilft ihm seine Liebe zur Countrymusik, in der er sich verlieren und mit der er seine Gefühle ausdrücken kann.

Schon als Kind waren Schallplatten mit Countrysongs und seine Gitarre das Einzige, wofür er sich wirklich begeistern konnte – etwas, was sein Vater Sonny, der sich als junger Mann seinen Lebensunterhalt auf einem Walfangschiff im Südpolarmeer verdient hat, nur schwer nachvollziehen, geschweige denn akzeptieren kann. Irgendwann beginnt Jack sogar, eigene Songs zu schreiben:

„Einen Song zu schreiben, hieß, etwas Neues auf der Welt zu erschaffen, aber es hieß auch, aus dieser Welt herauszutreten, der Welt, in der er lebte.“

In diese kleine Welt des elterlichen Hofs, geprägt von harter Arbeit und wenig Leichtigkeit, scheint er nicht so recht hineinzupassen, und so wagt er als Heranwachsender den Absprung nach Glasgow – mit seiner Gitarre im Gepäck und dem Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und einem Leben voller Musik.

All diese Träume finden mit dem Tod seiner Eltern ein jähes Ende. Jack kehrt zurück in die Heimat, verkauft das Land samt Schafen, weil er sich den damit verbundenen Aufgaben und der Verantwortung nicht gewachsen fühlt. Nur das Cottage behält er und zieht dort wieder ein – und seitdem hat sich an seinem Leben nicht viel verändert. Bis eines Tages eine geheimnisvolle Schachtel vor seiner Tür liegt und eine unerwartete Freundschaft seinen Anfang nimmt…

Dass aus dieser Geschichte kein Kitsch wird, ist eine Kunst – eine Kunst, die Malachy Tallack meisterhaft beherrscht. Und so dürfen wir einen erfüllenden, gefühlvollen Roman ohne Pathos lesen, der uns mitnimmt in die raue Landschaft der Shetlands und uns die lebensverändernde Kraft von Freundschaft und Musik erfahren lässt. Meine unbedingte Leseempfehlung für diesen Sommer und darüber hinaus!

Simone Neidlinger

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