Da war doch nichts

„Da war doch nichts“- der Titel hallt beim Lesen die ganze Zeit nach, weil er genau beschreibt, worum es in diesem Roman geht. Nämlich um Gaslighting, um diese ganz leise, aber unglaublich zerstörerische Form der psychischen Gewalt. Die Geschichte spielt ausschließlich in den Monaten August der Jahre 2006 bis 2013, denn dieser Monat war für Daniela immer der schlimmste. In dieser Zeit ist die Mutter zu Hause und Daniela durchlebt eine harte Phase, geprägt von Manipulation und psychischem Missbrauch. Zum Beispiel stellt ihre Mutter beim Waschen absichtlich das falsche Programm ein, damit ihre Kleidung einläuft, und als Daniela sie darauf anspricht, wird so getan, als würde sie sich alles nur einbilden. Bei ihrer Schwester tauchen blaue Flecken auf, doch niemand spricht darüber, weder der Vater noch die Schwester selbst. Dieses Schweigen und Leugnen macht Daniela unsicher und wütend.

Nach dem Tod ihrer Mutter hofft Daniela, endlich diese Angst loszuwerden. Sie beginnt zu studieren und lernt Štěpán kennen. Mit ihm scheint sogar der August leichter. Anfangs wirkt alles schön und harmonisch. Doch dann kommen die kleinen Dinge: angeblich falsch verstandene Uhrzeiten, verschwundene Gegenstände, Situationen, die Daniela ganz anders in Erinnerung hat. Und jedes Mal schafft Štěpán es, alles so zu drehen, dass sie an sich selbst zweifelt. Er wird nie körperlich und genau deshalb fällt es Daniela so schwer, das Geschehene in Worte zu fassen.

Der Roman zeigt auf eine unglaublich eindringliche Weise, wie unsichtbare Gewalt funktioniert. Wie sie Erinnerungen verdreht, Identität angreift und das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung untergräbt. Beim Lesen hatte ich Gänsehaut, weil man Danielas Verzweiflung und Hilflosigkeit auf jeder Seite spürt. Jakub Stanjura überzeugt mit seiner klaren Sprache. Am liebsten würde man in das Buch springen, um Daniela wachzurütteln. „Da war doch nichts“ ist ein intensiver und gleichzeitig wichtiger Roman über psychische Gewalt und darüber, wie leicht man sie übersieht.

Sarina Holtrup

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