Alle unsere Leben

Mit „Alle unsere Leben“ hat die irische Autorin Christine Dwyer Hickey einen beeindruckenden Roman vorgelegt, der definitiv eines der Highlights meines vergangenen Lesejahres war. Es ist ein Roman über Freundschaft und Sehnsucht, Fremdheit, Einsamkeit und Herkunft. Angesiedelt in London, zeichnet der Roman auch das Porträt einer vielfältigen, aber auch gnadenlosen Stadt und liefert eine einfühlsame Betrachtung des alltäglichen Lebens hauptsächlich einfacher Leute in einer sich über die Jahrzehnte wandelnden Stadt.

Im Jahr 1979 treffen Milly und Pip, zwei irische Einwanderer, in London aufeinander und wir begleiten sie über vier Jahrzehnte, in denen sie versuchen, in dieser Stadt mit ihren gefühlt unendlichen Möglichkeiten zu bestehen und heimisch zu werden. Die 18jährige Milly arbeitet in einem Pub und lernt dort Pip kennen, einen aufstrebenden Boxstar, der von allen Seiten umworben und bewundert wird. Man spürt, dass es eine Begegnung fürs Leben sein könnte. Aber Zufälle, unerwartete Ereignisse und falsche Entscheidungen zum falschen Zeitpunkt verhindern immer wieder, dass die beiden ein Paar werden. Aus wechselnden Perspektiven wird all dies erzählt – in Millys Fall chronologisch von 1979 an mit einigen eingestreuten Rückblicken. Pip dagegen schaut als 60jähriger aus der Gegenwart des Jahres 2017 zurück auf sein Leben, das geprägt ist von Krisen, Versagen und verpassten Gelegenheiten. Wie ein Puzzle setzt sich nach und nach ein Gesamtbild des Lebens der beiden Einwanderer zusammen.

Neben der zarten Liebesgeschichte zwischen Milly und Pip widmet sich der Roman auch den Fragen, wie es ist, an einen fremden Ort zu gehen und nie richtig anzukommen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so treffend und empathisch, dabei aber ohne jeglichen Kitsch, das Suchen und Finden und letztlich die Schwierigkeit, das Glück zu erkennen und festzuhalten, beschreibt. Eine absolute Leseempfehlung!

Simone Neidlinger

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